Archiv für September 2015

Maybe. Someday.

Balkanroute. Ein Reisebericht?

Ich bin in den vergangenen zwei Wochen auf dem Balkan gewesen. Unmittelbar an Punkten der sogn. „Balkanroute“. In den Medien finden wir jeden Tag erschreckende Bilder, die oft doch so weit entfernt sind. Hier, in Deutschland, sorgt man anders vor: brennende Asylunterkünfte bestimmen die „schockierenden“ Bilder. Rassismus ist wieder salonfähig geworden und ich frage mich schon: Wann brennt das erste Gebäude mit Menschen drin? Wann wird es passieren, dass die Polizei das erste Mal den rassistischen Mob nicht mehr aufhalten kann?

Meine Reise führte mich nach Albanien, Serbien und Ungarn. Nach Belgrad und Budapest.
Wir lesen und sehen so viel, aber so nah und ergreifend wie dort, erlebt es hier niemand.

Wenn wir von Flüchtlingen, mit denen wir uns das Zimmer im Hostel teilen, gefragt werden, weshalb wir hier seien – schließlich sei es in Deutschland doch viel schöner – fehlt einem die Antwort.

Wenn man abends im Hostel sitzt, eine syrische Familie mit zwei kleinen Kindern hereinkommt, die mehrere Tage nicht geschlafen hat – und das Hostel sie abweist, weil ihnen ein einziges Dokument, auf welchem ein Polizist lediglich Name und Geburtsdatum einträgt, fehlt, fällt es schwer nebenbei ein Wasser zu trinken.

Wenn vier kleine Kinder auf dem Bürgersteig an einer Hauptstraße, direkt neben den ausgelaufenen Dixi-Toiletten auf dem kalten Asphalt ohne Decken schlafen, ist man nur noch über sich selbst erschüttert.

Wenn vor einem an der Kasse im Supermarkt ein Flüchtling die Kassiererin anfleht, sein Mobiltelefon aufzuladen, damit er mit seiner Familie in Kontakt bleiben kann, versteht man sich selbst irgendwann nicht mehr.

Wenn mitten im Nirgendwo ein Grenzzaun aus Nato-Draht Menschen zurückhalten soll. Wenn mitten auf dem Autobahnseitenstreifen Familien ausgesetzt werden, fühlt man sich machtlos.

Viele Dinge lassen sich nicht in Worte fassen. Viele Gefühle kannte man so vorher gar nicht. Was ist schon Selbstreflexion, wenn ich in meinem warmen Zimmer am Computer sitze, diesen Text tippe, Cola trinke und jederzeit in mein Bett gehen kann? Was kann ich geben? Ich habe alles. Viel zu viel. Doch loslassen kann ich auch nicht.

Kranke Welt. Kranke Menschheit.