Wir sind Welt.Macht.Meister

Es war so gegen Mitternacht. Die Nachbarn hatten sich wieder beruhigt und ihr Feuerwerk war verschossen – und auch Christoph Kramer konnte sich immerhin wieder an den Geburtstag seiner Oma erinnern. Es war toll. Bis Bastian Schweinsteiger noch einmal das Mikrofon umklammern und ein paar letzte Worte loswerden musste: „Ganz spezieller Gruß, wirklich an einen Mann, der, ich glaube, ohne den wären wir alle nicht hier, das ist Uli Hoeneß. Vielen Dank für Ihre Unterstützung und wir glauben daran, dass alles gut wird und unterstützen Sie sehr.“
Das war nicht nur vom Satzbau völliger Müll, sondern zeugt euch von der Dummheit eines Bastian Schweinsteigers – ich hätte diesen Satz viel lieber von Dr. Müller-Wohlfart gehört. Mag das Interview von Christoph Kramer noch als „süß“ bezeichnet werden, da er immerhin an seine Oma denkt, bietet Schweinsteiger wahrlich nur ganz viel Zeit zum Kopfschütteln. Vielleicht mag es auch einfach nur daran liegen, dass er in den letzten Minuten des WM-Finals gehörig auf die Socken und auch den Kopf bekommen hatte, aber da sticht noch eine andere Situation heraus: Irgendwo im Jubel auf dem Platz begegneten sich die beiden „Best-Buddies“ Poldi und Schweini und wagten es, sich vor den Augen von Vladimir Putin, zu küssen. Äääh: FAST zu küssen. So wird diese Aktion im Internet in den Himmel gelobt, obwohl sie doch etwas vollkommen anderes suggeriert:
Beide schließen die Augen und täuschen einen Kuss vor, ehe Schweinsteiger den Kopf schüttel, sich abwendet und mahnend den Zeigefinder erhebt – ganz als wolle er sagen: Männer küssen? Ich würde nicht einmal meinen „besten Freund“ Poldi küssen.
Bravo! Applaus! Da wurde dann noch einmal ganz groß und für die ganze Welt sichtbar mit Schwulenfeindlichkeit gespielt.
Diese Geschichten kennt man aber doch längst von Bildern die Uli Hoeneß vor dem Antritt seiner Haftstrafen zeigten.
Wenn man an dieser Stelle ehrlich ist, muss man aber auch sagen, dass der Fußballweltverband FIFA den beiden deutschen Spieler im Grunde eine Einladung für eine solch umwerfende Geste ausgesprochen hatte. Immerhin hatten u.a. die mexikanischen Anhänger im Spiel gegen Kamerun deren Torwart – mehr als eindeutig hörbar – als „puto“, spanisch „Schwuchtel“, bezeichnet. FARE hat diese Beleidigung, die auch auf unzähligen Videos hörbar ist, dokumentiert und an die FIFA weitergeleitet – diese entschied jedoch, dass der Begriff „in diesem spezifischen Kontext nicht als beleidigend angesehen“ werde. Was für schwindelige Fifa-Flöten.
Das mehrere Fans der deutschen Mannschaft sich zum Spiel gegen Ghana das Gesicht schwarz anmalten und ein weiße T-Shirts mit der Aufschrift „Ghana“ trugen, muss wohl nicht weiter erklärt werden. Aber ey, ihr habt doch sicher alle die geile Jesus-Statue im Sonnenuntergang gesehen, oder? Geil. Und sowieso viel wichtiger.
Im Gegensatz zu Jesus, der seinen Mann stand, ein Kreuz durch die Wüste trug, sich daran festnageln lies – ohne Betäubung wohlgemerkt – um die Schuld von uns allen auf sich zu nehmen, standen bei der WM jede Menge verweichlichte Warmduscher auf dem Platz.
Wenn ein Neymar bei der Nationalhymne mehr Tränen vergießt, als sämtliche Teams bei der WM Tore schießen, wie soll es dann mit dem Titel klappen? Unser aller Lieblingskommentator Bela Rethy stellte unmittelbar mit Abpfiff des Halbfinals eben sehr treffend fest: „Einige Spieler nehmen es mit Männlichkeit (…).“ – und andere beten. Aber nun einmal ganz im Ernst. Ich finde es sehr, sehr positiv Fußballern solche Emotionen zuzugestehen. Hier wird sich wegbewegt von den gängigen Klischees des „harten Männersportes“ – so wurde eben auch die angebliche Härte immer wieder kritisiert. Sowas gibt’s? Bela fand es jedenfalls nicht so toll.
Umso bewegender waren dafür die Worte von David Luiz, der sich nach dem sang und klanglosen Ausscheiden bei den Brasilianern entschuldigte, deren leidenden Menschen er eigentlich Freude bereiten wollte. Trotzdem möchte ich mich da der allgemeinen Meinung anschließen, dass man nur über die emotionale Schiene und mit Leidenschaft eben nicht Weltmeister werden kann.

Weltmeisterlich hingegen war von Anfang an die FIFA. Omnipräsent, und verdammt reich. Da wurde jedem Spieler sogar extra ein neuer Kopfhörer spendiert – wenn der gute Joseph den nicht sogar selbst bezahlt hat oder doch etwa sein Neffe, dessen Firma die FIFA seit langem mit der TV-Vermarktung beauftragt? Dieser Haufen von Anzugträgern macht sich wirklich über jeden Müll Gedanken und schränkt einfach alles ein – wobei ich mich wirklich immer wieder wundere, welche Gegenstände dort mit in die Stadien kommen. In Deutschland würde ich damit nicht einmal die Partie SV Schalding-Heining : SV Seligenporten in der Bayernliga sehen dürfen.
Wieso aber in aller Welt, ist diese Organisation nicht in der Lage eine Schar von Fotografen zu kontrollieren bzw. auszusperren, um der Gewinnermanschaft des Finals wenigstens eine kurze Stippvisite bei den Fans zu ermöglichen? Gegen den Sprint sämtlicher Fotografen wäre sogar Usain Bolt chancenlos – so wurden Neuer und Co., ist meine Lieblingsphrase, nachdem sie das Spielfeld verlassen hatten und sich der Tribüne näherten, wahrlich von einem überdimensionalen Knäuel aus Sony, Nikon und Canon erdrückt. Verwunderlich, dass außer einer Sony überhaupt eine Kamera in Stadion durfte.
Verbuchen wir das einfach unter dem Aspekt der Vermarktung und da ist die FIFA immerhin Vize-Weltmeister. Direkt hinter dem DFB. Der DFB hatte nämliche gleich mehrere Asse im Ärmel:

Am Anfang war Oliver Bierhoff, bei dem hat sich der Kommentator des Finals nachher sogar noch ausdrücklich bedankt, der eine Vision hatte: „Ey, lass uns doch einfach mal ne eigene Hütte bauen!“
Die Vision wurde natürlich auch umgesetzt, lediglich das Geld, um die alte Gammel-Fähre zu ersetzen fehlte dann irgendwie. Aber bisschen Abenteuer muss ja auch sein. Dieses Abenteuer konnte man dann super Vermarkten indem man sein Quartier quasi als eigenes Dorf verkaufe und sich super mit den Einheimischen verstand – Okay, ich finde es auch sinnvoll, ein passendes WM-Quartier zu nutzen und sich nicht komplett von der Außenwelt abzuschotten. Aber so cool, wie Sulley Muntari, der durch die Slums lief und Geld verschenkte, ist es dann doch nicht.
Richtig lustig wird die ganze Geschichte aber erst, wenn man den Wikipedia-Artikel – der Laden hat wirklich einen – liest:
a) Der Trainingsplatz für das Team wurde einfach in einem Naturschutzgebiet errichtet, Bedenkzeit der Behörde bis zur Genehmigung: zwei Wochen.
b) Das Campo Bahia wirbt mit einem Privatstrand, obwohl die laut brasilianischer Verfassung eigentlich verboten sind.
c) Der Besitzer von dem Laden hat 2010 ein Hilfsprogramm für Cracksüchtige unterstützt.
Neben der gammeligen Fähre, die wohl doch nur gemietet wurde, fehlte auch das Geld für ein Medienzentrum. Gerüchten nach zur Folge durften die Journalisten aber trotzdem im Pool baden und zahlreiche Bilder von Katrin Müller-Hohenstein zeigen diese beim Planschen mit deutschen Nationalspielern – immer dabei: die Kamera und das Mikrofon!

Spätestens als bei der Siegerehrung und den Feierlichkeiten danach die Spielerfrauen auf dem Platz standen, Prinz Poldi mit seinem Sohn eine Runde kicken ging – ich hatte die ganze Zeit Angst, dass der kleine Junge die Medaille von Poldi irgendwo verliert – und Miro mit seinen Söhnen ein paar Fotos knipste, war die familienfreundliche Inszenierung perfekt. Copacabana, Familie, Weltmeister – Was gibt es schöneres?

Die FIFA konnte da mit ihrem Torlinientechnik – No Goal – ihrem Freistoßspray und den schlechten Schiedsrichtern nicht ansatzweise mithalten. Und mit den kommenden Turnier in Russland und Katar stehen ihr in Zukunft auch noch zwei weitere starke Kontrahenten gegenüber, die sicher alles tun werden, um sich bestmöglich zu verkaufen und mehr bieten werden wollen, als es die FIFA kann.
Ein erster Schritt wäre es eben, die Schiedsrichter zu schulen. Urs Meier sagte es ganz richtig, dass es durch den falschen Elfmeterpfiff im ersten WM-Spiel ein sehr schwieriges Turnier für die Unparteiischen wird, weil sie nun unter genauester Beobachtung stehen würden.
Leider findet sich keine vollständige Liste, aber es gab sehr wenige Spiele, in denen man den Schiedsrichtern eine vernünftige Leistung bescheinigen kann.

Aber wen stört es am Ende, dass Christoph Kramer sich an sein wichtigstes Spiel gar nicht mehr erinnern kann, wohingegen Bastian Schweinsteiger für immer eine Narbe unter dem Auge tragen wird – beide Gegenspieler aber für ihre Fouls nicht bestraft wurden? Eben, niemanden.

Am Ende sind wir wieder eine Weltmacht – Ups, dass war die Autokorrektur meines iPads – Weltmeister und das kann uns keiner nehmen.


1 Antwort auf „Wir sind Welt.Macht.Meister“


  1. 1 süßsauer 09. August 2014 um 12:25 Uhr

    schön, dass der blog wieder „online“ ist!!!!

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.