Archiv für Juli 2012

Frei.Wild.Scheisse.

Trauben verschwitzter Männer drängeln vor der Bühne. Viele haben die T-Shirts von ihren tätowierten Oberkörpern abgestreift. Frauen sind kaum zu sehen. Das Konzert der Rockgruppe Frei.Wild im Volkshaus Zürich ist ausverkauft. »Wir dürfen mit vollem Stolz verkünden: Wir sind Südtiroler!«, ruft Sänger Philipp Burger ins johlende Publikum. Was nun folgt, ist auf Konzerten des Quartetts zum Ritual geworden: hochalpiner Patriotenrock, dumpf und stampfend, der auch fern der Dolomiten auf dem platten Land funktioniert.

Stur dreschen die Südtiroler ihre vier Akkorde in die Gitarren. »Südtirol, wir tragen deine Fahne, denn du bist das schönste Land der Welt«, huldigt der Grölgesang der Heimat. Die Fans singen begeistert mit: »Südtirol, deinen Brüdern entrissen, schreit es hinaus, lasst es alle wissen. Südtirol, du bist noch nicht verloren. In der Hölle sollen deine Feinde schmoren.« Dass die Region südlich des Brenners nach dem Ersten Weltkrieg Italien zugesprochen wurde, haben die vier Musiker ebenso wenig verkraftet wie offensichtlich auch ihre Fans. Egal, ob bei Auftritten in Deutschland, Österreich oder der Schweiz: Mit der nationalistischen Hymne kann sich jeder identifizieren.

Mit ihrem vorwärtspeitschenden Deutschrock haben Frei.Wild den Durchbruch geschafft. Mehr noch: Ausgerechnet eine Südtiroler Band tritt das heiß umkämpfte Erbe der Böhsen Onkelz an, jener Band, die 20 Jahre lang die größte gemeinsame Schnittmenge zwischen Prollrock und rechtem Agitationslärm bildeten. Das Erfolgskonzept der Kombo aus Brixen ist einfach: Sie mimen die wilden Rebellen, die Musik für harte Männer machen, und verbinden dieses Erscheinungsbild mit kitschigem Heimatabendpathos – eine völkisch-nationalistische Melange aus dem Rockmusikantenstadl, die bei patriotischen Fans in Bozen ebenso ankommt wie in Rostock oder an der Ruhr.

Früher hat die Rabiatrockgruppe Böhse Onkelz aus Hösbach in Unterfranken diese Zielgruppe bedient. Das Vakuum, das sie nach ihrer Auflösung 2005 hinterließen, wurde nun gefüllt. Frei.Wilds aktuelles Album Gegengift verkaufte sich bislang 150.000-mal und landete auf Platz zwei der deutschen Albumcharts. Ihre Tourneen sind stets ausverkauft. Anders als die illegalen Krawallorgien von Nazibands sind ihre Konzerte längst Mainstream-Veranstaltungen. 2010 spielte die Gruppe sogar während der Fußball-WM auf der Fanmeile in Berlin vor über 200.000 Menschen. Auch bei großen Festivals wie dem legendären Wacken-Open-Air stehen sie regelmäßig auf der Bühne.

Parallelen zu den Onkelz, die ihre Karriere als Skinheads begannen, finden sich auch in der Frühgeschichte von Frei.Wild. Deren heute 31-jähriger Sänger Philipp Burger war früher Mitglied der rechten Rockband Kaiserjäger und sang Texte wie: »Eine Gruppe Glatzen kämpft dagegen an, gegen Weicheier wie Raver und Hippies und Punks« oder »Heil dem Kaiser, Heil dem Lande, Österreich wird ewig stehen«. Nachdem ein Konzert im Februar 2001 in einer Schlägerei zwischen deutschen und italienischen Nazi-Skinheads endete, löste sich die Band auf. Burger wendete sich von der Szene ab und gründete Frei.Wild.

Wirklich unpolitisch wurde er nicht. 2008 sollte die Gruppe auf einer Veranstaltung der Freiheitlichen Jugend, der Nachwuchsorganisation der Freiheitlichen, auftreten. Burger engagierte sich im Eisacktal für die Gruppierung, die mit Forderungen wie »Südtirol zuerst! Einwanderung stoppen! Heimat schützen! Sofortige Ausweisung von ausländischen Straftätern!« auf Stimmenfang ging. Erst nach Protesten von Medien und anderen Musikern wurde der Auftritt abgesagt. Burger trat aus der Partei aus, der Aufstieg der Band ging trotzdem weiter.

»Frei.Wild besingen eine Blut-und-Boden-Ideologie und knüpfen genau dort an, wo man 1945 geglaubt hatte, einen Bruch vollzogen zu haben«, sagt Politikwissenschaftler Günther Pallaver von der Universität Innsbruck. Die Gruppe vertrete »typische Diskurse der Zwischenkriegszeit, die von den Deutschnationalen stammten«.

Offensichtlich verbirgt das vertonte Alpenglühen einen Code, dessen Zugkraft in der organisierten Naziszene längst erkannt wurde: »Südtirol ist nicht Italien«-Shirts finden sich in einschlägigen Versandläden und bei Aufmärschen. Auf entsprechenden Webseiten dominiert eine Mischung aus Tiroler Folklore und rechtsextremer Hetze.

Auch deutsche Neonazis üben sich in »Solidarität mit Südtirol«, wie es die Rechtsrockband Act of Violence formuliert. 2008 erschien auf dem Sampler Balladen des Widerstands im NPD-eigenen Deutsche Stimme Verlag deren Lied Südtirol. Darin sprechen die Musiker das aus, was Bands wie Frei.Wild lediglich andeuten: »1918: Niederträchtiges Jahr, als der Feind das Unrecht gebar. […] Geknebelt, gefesselt das Völkerrecht, zerstückelt das deutsche Volksgeschlecht.«

ZeitOnline

Kommt, geht sterben.

Der Journalist Marcus Urban stand erst vor wenigen Tagen in einem Interview Rede und Antwort zum Thema Homophobie .

Entscheidend sind aber zunächst einmal die Rahmenbedingungen, die sich ändern müssen. (…) Erst wenn Männer Hand in Hand in der Kurve stehen, hätten wir eine Sicherheit für Akzeptanz. (…) Natürlich ist das eine bescheuerte Aussage gewesen. Aber irgendwie bin ich auch froh, dass es so bescheuerte Leute noch gibt, die ihre Homophobie offen zeigen. Jeder homophobe Satz eines Prominenten ist PR gegen Rückständigkeit.

Lach und Sachgeschichten.

Heute: Simon der Schlosser – bis er sich entschloss durchzudrehen.

So Jungs ich hab ein längeres Problem und hoff mir kann jmd helfen: Ich wohne in einem Mehrfamilienhaus in einer Vorstadt in der Nähe von 2 größeren Vereinen. Dort wo ich wohne sind ca 70 % Fans meines Vereins und 30 % des anderen Vereins. Ich habe eine große Fahnen meines Vereins (keine Szene, aus dem Fanshop) und die hängt immer von meinem Küchenfenster herunter. Nun sind schon wiederholt einige jüngere Fans (16-18 ca, ich bin 29 und Schlosser) unten vorbeigelaufen und haben gepöbelt. Zuerst hab ichs ignoriert aber am Dienstag bin ich ausgetickt. Sie kamen wieder und sangen „Scheis ***! Tod und Hass dem ***!“ usw. dann bin ich runtergerast, Gesicht unter Vereinssschal versteckt und hab eine von denen gepackt und mal wirklich nach Strich und Faden verdroschen. Die anderen 2 sind weggelaufen. Von einer Anzeige gehe ich nicht aus, da sie ja provoziert haben aber weis jmd ob sowas ein SV nach sich ziehen kann? Da sie mich unter dem Schal wohl nicht erkannt haben aber wissen wo ich wohne, womit muss ich rechnen? Also eine blutige (gebrochene?) Nase und blaue Augen hat der eine auf jeden Fall mitgenommen.
Gruß
Simon

Watch out!

Wie werde ich Ultra‘?

Ein jeder kennt die alte Geschichte des „Inferno Harsewinkel“ und der Gerstenkaltschorle im Away-Sektor.. kalter Kaffee!

Wer endlich ein echter unpolitischer Ultra‘ im tiefen Osten unseres lieben Landes werden moechte, der folgt den Hinweisen des Vorsaengers der Ultras Dynamo.Er hat naemlich erkannt, dass wir uns nicht mehr in den 90er befinden. Sei es bei Randale, Schals oder dem Alkoholkonsum. Auch wenn Dresden’s Haeuser nicht so aussehen: die Zeit ist vorangeschritten!

Geneisst es:

P.S. Grundlegend ist so eine ‚kleine Ansage zu Saisonbeginn‘ sicherlich gar nicht so falsch, aber bitte: Nicht mit diesem Dialekt, nicht von einer einzelnen Person und bitte mit etwas mehr Qualitaet und keinen Aussagen wie: „Das war schon immer so!“ oder „Das sieht halt geil aus!“

Merci!

Etwas spaet, ein lesenswerter Artikel des Supra-Magazins ueber Mario Balotelli

Über Mario Balotelli wird viel geschrieben, wenig jedoch darüber, warum er mehr gegen Rassismus im Fußball getan hat als die gesamte Uefa zusammen. Kann das erklären, warum der Islam für Innenminister Friedrich auf einmal doch zu Deutschland gehört, wenn es um Fußball geht?

Nachdem wir uns in Bezug auf die Europameisterschaft vornehm zurück gehalten haben (nicht unser Thema), wird es jetzt, da die Veranstaltung mit dem Finalspiel endet, doch noch mal Zeit, ein paar Worte zu verlieren.

Dieses Ereignis als rein sportliches Event zu betrachten ist mir persönlich sehr schwer gefallen. Zeigte sich doch auch diesmal wieder, dass Sport und Politik eben nicht zu trennen sind. Dass Patriotismus, Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit eben doch dichter zusammen liegen als der bierseelige öffentlich-rechtliche Partyjournalismus zugeben will.

Was haben wir im Vorfeld und im Verlaufe der EM nicht alles hören müssen über die Verletzung der Menschenrechte in der Ukraine. Wie wenig haben wir über die deutsche Geschichte in der Ukraine erfahren. Vor allem in der Stadt Lemberg, in der zur Zeit der deutschen Besatzung über 500.000 Menschen ermordet wurden. Lemberg ist dort, wo Hansi Flick den Stahlhelm aufsetzen will. Lemberg ist dort, wo deutsche Trommeln durchs Stadion hallen und tausende Kehlen „Sieg“ schreien. Lemberg ist dort, wo deutsche Fans mit Eisernen Kreuzen auf den Armen und der 88 auf dem Trikot durch die Straßen ziehen. Und Lemberg ist dort, wo das Fernsehen alles unkommentiert lässt und die Fans für ihre tolle Unterstützung noch lobt.

Der Fußballfan will mit derlei Details nicht belästigt werden. Denn Sport ist Sport und Politik ist Politik. Wenn dann der nächste Gegner jedoch Italien oder Griechenland ist, dann ist Sport doch Finanzpolitik. Dann spielt der Zahlmeister gegen den Pleitegeier, dann siegt Italien auch beim EURO gegen Deutschland. Da haben wir sie dann, die Alliterationen, die Quervergleiche. Politik ist im Fußball keineswegs unerwünscht solange sie die deutsche Seele stärkt. Dass Deutschland Zahlmeister sei, wird gerne erwähnt; dass der Tod ein Meister aus Deutschland ist, davon wollen sie nichts wissen.

Es tut mir weh in der Seele, aber an dieser Stelle muss erwähnt werden, dass Innenminister Friedrich als einziger öffentlicher Vertreter die passenden Worte fand, als er bei seiner Kritik über die Beleidigungen gegen Mesut Özil im Internet auch die „SIEG“-Rufe in der Ukraine in den historischen Kontext stellte und als beschämend bezeichnete. Dass Herr Friedrich mit seiner Politik jedoch offensiv dazu beiträgt, dass Menschen sich im Recht fühlen, wenn sie die Gesellschaft in Deutsche und Ausländer teilen, scheint er nicht bemerkt zu haben. So schön es auch ist, dass sie es widerwärtig finden, wenn Mesut Özil beschimpft wird, Herr Friedrich, das bringt alles gar nichts, wenn ihre Asyl- und Ausländerpolitik diesen Leute immer wieder Argumente für ihren Rassenwahn liefert.

Rassismus ist nämlich alles, außer einer Minderheitsmeinung. Es ist doch traurig, dass der Vater von Mesut Özil anführt, dass der Spieler in Gelsenkirchen geboren wurde, als hätte er es nötig, sich dafür zu rechtfertigen, dass sein Sohn für Deutschland spielt. Auch Mario Balotelli ist kein Ghanaer, er ist in Palermo geboren und nicht in Ghana. Ist das wichtig? Spielt das eine Rolle? Offenbar ja, es zeigt den Stand einer Gesellschaft, in der eben bestimmte Kriterien erfüllt werden müssen, um als Teil der Gemeinschaft anerkannt zu werden.

Damit bin ich schon bei Balotelli und ich gebe es offen zu: ich war nicht für Deutschland, ich war nicht für Italien, ich war für Balotelli. Ihr mögt mich stumpf nennen oder Romantiker, aber ich habe es mir so ausgemalt wie es kam. Ich wollte zwei Tore von Balotelli und seine Pose nach dem 2:0 war so schön, das hätte ich mir nicht träumen lassen. Schlimmer hätte es nicht kommen können für die deutschen und italienischen Rassisten, für die über alle Maßen arrogante Delegation der Sportjournalisten, die ihn einen Skandalspieler nennt und den Skandal dahinter nicht erkennt. Egoist? Enfant terrible? Ja, Balotelli ist ein Einzelspieler. Seine Geschichte lässt ihm keine Wahl. Italien wollte ihn nicht, Italien hat bis zu seinem 18. Lebensjahr gewartet, bis es ihn als vollwertigen Bürger anerkannt hat. Zu dieser Zeit spielte Balotelli bereits für die erste Mannschaft von Inter Mailand. Seine Karriere ist gezeichnet von rassistischen Beleidigungen, von Bananenwürfen und Affenrufen. Balotelli grenzt sich ab, Balotelli will kein Teil von Italien sein. Er macht keinen Hehl daraus, dass er in erster Linie für sich selbst steht. Welche Wahl hat einer, den keiner haben will? Die Art wie sich Balotelli offensiv abgrenzt und die Tatsache, dass er für den Finaleinzug verantwortlich ist, macht ihn zum Stachel im italienischen Nationalismus. Einer der sagt, dass es ihm scheißegal ist, ob die Leute ihn für einen von ihnen halten oder nicht. Einer der einfach nur für sich steht, weil er es nicht anders kennt.

Als Balotelli vor der EM sagte, er würde Rassisten töten, war das eine Kampfansage, auch an die eigenen Fans, teilweise an die eigenen Mitspieler (siehe den bekennenden Faschisten De Rossi). Es mag sich um einen arroganten Spieler handeln, um einen der nicht immer fair auftritt. Aber was Balotelli damit erreicht hat, dass er einfach nur er selbst ist, kann nicht hoch genug geschätzt werden. Das ist kein Skandal, das ist auch nicht verrückt, das ist konsequent. Das ist das, was Rassismus verursacht. Er grenzt Menschen aus und es ist durchaus positiv, wenn Menschen sich nicht ausgrenzen lassen, sondern sich hinstellen und immer wieder den Finger in die Wunde legen.

Ich finde es sehr schade, dass das Magazin für Fankultur 11Freunde das ebenso verkannt hat wie alle anderen und aus ihm eine Witzfigur gemacht hat, indem es per Fotomontage eine Kiste Bier in seine Jubelpose schnitt. Dieser billige Gag ließ nicht nur den Respekt vor dem Spieler vermissen, er lud auch zu allerlei rassistischen Kommentaren ein, die über Stunden auf der Facebookseite des Magazins zu lesen waren. „Sieht aus wie vom Planet der Affen“ und ähnliche Geschmacklosigkeiten sind (01/07/2012 17h) immer noch nicht gelöscht, obwohl sie schon seit Freitag online stehen und 11Freunde verkündete, dass rassistische Beleidigungen nicht geduldet werden. Die Geister, die ihr rieft, kann ich da nur sagen. Habt ihr die Symbolik wirklich verkannt oder kennt bei euch die Witzischkeit keine Grenzen mehr? Wer diese Geste verstehen will, dem sei dieser Artikel empfohlen.

Ich möchte sagen: Danke Mario Barwuah Balotelli! Du hast mehr über Rassismus gesagt als die Ghostwriter der UEFA den Kapitänen der Nationalmannschaften in den Mund legen wollten.

Never again.


– Dazu gibt es nichts zu sagen.