Archiv für Mai 2012

Kein Skandal, nur Freude.

Ich möchte zwei Sachen vorwegnehmen, bevor ich diesen Artikel beginne:

Ich erlebte gestern vor meinem Fernseher einen der unterhaltsamsten und spannendsten Fußballspiele aller Zeiten und es kotzt mich wirklich an, wie einen Tag später die Presse darüber berichtet.
Ich möchte aber auch klarstellen, dass die Situation am gestrigen Abend nicht mit anderen Platzstürmen zu vergleichen ist, weil es bei diesen Spielen bzw. zum Zeitpunkt des Platzsturmes um rein gar nichts mehr ging – der Drops war längst gelutscht.
Gestern Abend in Düsseldorf hatte Hertha noch für etwa eine Minute die Chance, das 3:2 zu erzielen. Es handelte sich um ein Relegationsspiel, das über die gesamte Spieldauer auf der Kippe stand und in meinen Augen hätte Hertha BSC auch zu jeder Zeit noch das 3:2 erzielen können – auch in der letzten Minute der Nachspielzeit!

Säumen wir das Pferd aber von hinten auf: Nachdem Jovanovic in der 59. Spielminute zur 2:1 Führung für die Düsseldorfer getroffen hatte, zündete nicht nur der Heimblock Bengalos, sondern auch die Gäste aus Berlin.
Bei den Düsseldorfern wurde die Pyrotechnik allerdings kontrolliert im Block abgebrannt, während die Gäste ihr Feuerwerk schnellstmöglich auf dem Platz entsorgten. Außerdem durfte man im Gästeblock nicht nur Magnesiumfackeln, sondern auch Leuchtspuren und diverse Böller bestaunen.

In dieser Situation handelte der Schiedsrichter anders, als ich es persönlich erwartete hätte: Er entspannte sich zusammen mit seinen Assistenten im Mittelkreis und trötete nicht sofort in sein Horn, um mit den Mannschaften in die Kabinen zu stürmen. Diese Reaktion wäre für mich sogar noch nachvollziehbar gewesen, denn während einige Hertha-Spieler die Bengalos vom Spielfeld trugen, warfen ihre Fans weiterhin neue Fackeln auf das Feld und dieses Verhalten empfinde ich als völlig idiotisch und als Spieler hätte ich auch sicherlich Angst gehabt.

Wolfgang Stark jedenfalls entschied sich nach dieser kurzen Unterbrechung dazu, das Spiel wieder anzupfeifen. Eine Hundertschaft der Polizei hielt es unterdessen für nötig sich direkt an der Seitenlinie zu positionieren, vor einem Gästeblock der sogar noch ca. 2m erhöht liegt. Es wäre natürlich absolut möglich gewesen, dass der tobende Mob sich lässig diese zwei Meter hinabstürzt, um anschließend blutrünstig auf das Feld zu stürmen.
Thomas Kraft beschwerte sich beim Betreten des Platzes später im Übrigen darüber, dass die Polizisten dort immer noch stehen.

Was der Torwart wohl nicht bedachte war a) das die Polizei dort die eigenen Fans schütze / kontrollierte / bedrohte und b) diese Fans überhaupt für die sieben Minuten Nachspielzeit sorgten.

Ab der 90. Spielminute konnte dann ein jeder vor seinem Fernseher feststellen, dass von der Haupttribüne bereits die ersten Personen über die Begrenzungsmauern kletterten und sich auf einen Platzsturm einzustellen. Zu diesem Zeitpunkt habe ich allerdings keine Durchsage vom Stadionsprecher festgestellt, die evtl. hätte helfen können und so kam es, wie es kommen musste:
Nachdem der Fortuna-Stürmer eine tausend prozentige Chance nicht nutze – alle wohl schon das Tor gesehen hatten – stürmten die Zuschauer den Platz.

Es handelte sich hierbei um Fans aller Couleur, wahrscheinlich nicht einmal um die Ultras, weil diese vielmehr damit beschäftigt waren, ihre letzten bengalischen Fackeln zu entzünden.
Auch ließ sich nicht feststellen, dass die Personen, die den Platz stürmten auf dem Weg zum Gästeblock waren – wie es in letzter Zeit öfters der Fall war – oder gegnerische Spieler attackierten… Sie wollten einfach nur feiern.
Beeindruckend fand ich allerdings, wie unglaublich schnell die Zuschauer den Platz wieder verließen, als sie merkten, was sie angestellt hatten. Ein Sprint, der im Stadion sonst nur zu beobachten ist, wenn eine BFE-Einheit die Leute jagt.

Die Aktion mit dem Elfmeterpunkt war nun nicht unbedingt ideal, aber dafür verdammt lustig und außer den Menschen vor den Bildschirmen dürften sie eh nur die wenigsten mitbekommen haben.

Letztlich blieb es dabei, dass die Polizei die Coaching-Zonen besetzten und die Herthaner in der Kabine beratschlagten, wie sie am besten aus dieser Situation profitieren können. Ist doch klar, dass ein Ramos und ein Ronny, die aus den brasilianischen Slums kommen, in dieser Situation Todesangst haben. Ein Wunder ist es ebenfalls, dass sich beim Verlassen des Platzes nicht noch jemand verletzt hat, bzw. verletzt wurde.

Leider habe ich in diesem Moment nicht mehr bei Bwin auf die Quoten geachtet, aber die Quote auf einen Nichtabstieg Herthas dürfte extrem hoch gewesen sein und das war den Jungs sicherlich bekannt. Da ist es natürlich ideal, wenn man sagt: Wir haben keine Lust mehr und außerdem haben wir Angst.
Im Männersport schlechthin – Fußball – haben solche harten Jungs Angst vor den Fans? Oje… Wie soll Deutschland da nur Europameister im tiefsten Osten werden.

Hätten die Gäste aus der Hauptstadt den Platz wirklich nicht mehr betreten, so wäre dies wohl an Lächerlichkeit kaum zu überbieten gewesen. Aber trotzdem bleibt ein Problem: Wenn es stimmt, dass die Polizei die Berliner aufforderte weiterzuspielen, dann zeigt dies leider wieder einmal aufs Neue, wo wir heute stehen – in einem von Sicherheitsorganen regierten und kontrollierten Staat, in dem jeder kleinste Sandkorn im Getriebe daran gehindert wird, sein Kraft zu entladen.

Es wurde zu Ende gespielt. Es war richtig so und es war die schönste Nebensache der Welt: Es war Fußball, wie er leibt&lebt.

Lerne: Bengalos sind gefährlich.

a) polnische / osteuropäische Pyrotechnikerzeugnisse sind grundlegend gefährlich
b) im Osten ist man laut einiger abstruser Meinungen sowieso dümmer
c) die Menschen dort stehen voll auf Schmerzen
d) sah er keine andere Möglichkeit zu erfahren, wie heiß 3000°C wirklich sind.

All in all: Eine gerechte Strafe für diesen beschissenen Pullover!